Das liebe Geld

Juli Newsletter - Was es sichtbar macht und wie es sinnvoll wirken kann -

AKTUELLBLOG

7/7/20265 min read

Liebe Freunde, Weggefährten und Interessierte,
Geld hat seinen ursprünglichen Charakter weitgehend verloren.

Ursprünglich war es etwas zutiefst Soziales. Es war Ausdruck von Vertrauen zwischen Menschen und damit Vertrauen in eine gemeinsame Währung. Geld half dabei, unterschiedliche Begabungen, Fähigkeiten und Leistungen zum richtigen Zeitpunkt füreinander verfügbar zu machen. Es war kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das Austausch erleichterte und Gemeinschaft ermöglichte.

Von diesem ursprünglichen Charakter ist heute nur noch wenig zu spüren.

Giralgeld, virtuelle Geldschöpfung, Finanzmärkte, Hebelgeschäfte und die beinahe grenzenlose Möglichkeit, Vermögen aus Vermögen entstehen zu lassen, haben den Sinn des Geldes tief verändert. Immer häufiger entscheidet Geld darüber, wer gestalten kann und wer nicht. Träume, notwendige Investitionen oder soziale Projekte hängen davon ab, ob Banken mitgehen, welche Sicherheiten vorhanden sind und welchen Preis der Zins verlangt.

Geld ist damit längst weit mehr als ein Zahlungsmittel. Es entscheidet mit darüber, welche Zukunft überhaupt entstehen darf.

Gleichzeitig besitzt Geld eine zweite Eigenschaft, über die erstaunlich selten gesprochen wird. Es macht Wirklichkeiten sichtbar. Sobald gerechnet werden muss, treten Werte, Hoffnungen, Ängste und Überzeugungen ans Licht, die vorher oft verborgen geblieben sind. Geld wirkt dadurch beinahe wie ein Spiegel. Es zeigt, was einer Gesellschaft – oder auch einer Gemeinschaft – tatsächlich wichtig ist und wo Wunsch und Wirklichkeit auseinanderliegen.

Genau diese Erfahrung machen wir seit einigen Jahren in Schloss Tempelhof.

Auch wir leben nicht außerhalb der Welt. Gemeinschaft hebt die Gesetzmäßigkeiten von Wirtschaft, Industrie oder Finanzsystemen nicht auf; oftmals werden sie sogar deutlicher sichtbar. Deshalb beschäftigen wir uns seit mehreren Jahren intensiv mit der Frage, wie unsere zukünftige Energieversorgung aussehen könnte.

Im Mittelpunkt steht dabei ein großes Solarthermieprojekt. Die Idee wirkt zunächst beinahe selbstverständlich: Im Sommer erwärmt die Sonne einen großen saisonalen Wärmespeicher, im Winter wird diese gespeicherte Wärme über Wärmepumpen in unser Nahwärmenetz eingespeist. Dahinter steht der Wunsch nach größerer Autonomie, nach weniger Abhängigkeit von fossilen Energien und industriellen Lieferketten – ein Traum, den vermutlich viele Gemeinschaften teilen.

Unsere heutige Wärmeversorgung basiert überwiegend auf Pellets, ergänzt durch Öl in Spitzenzeiten. Auch dieses System war einmal ein ökologisches Pionierprojekt. Im Winter fahren seitdem regelmäßig Sattelschlepper nach Tempelhof und liefern Brennstoff. Pellets sind längst Teil einer industriellen Großproduktion geworden; Preise entstehen über Märkte und Verbände, Transportketten werden länger und die Abhängigkeiten wachsen. Niemand kann heute sagen, wie stabil diese Systeme in zwanzig oder dreißig Jahren noch sein werden.

Auf den ersten Blick scheint die Alternative einfach zu sein: investieren, die Sonne nutzen und dadurch freier werden. Je tiefer wir jedoch in das Projekt einstiegen, desto deutlicher wurde, dass genau an dieser Stelle unser eigentlicher gemeinsamer Lernweg begann.

Seit fast einem Jahr arbeitet deshalb eine bewusst heterogen zusammengesetzte Gruppe aus Befürwortern und kritischen Stimmen an dieser Frage. Es wird gerechnet, recherchiert, verworfen und neu begonnen. Aus einer technischen Idee ist längst ein gemeinsamer Forschungsprozess geworden.

Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass ein Industrieprojekt dieser Größenordnung weit mehr umfasst als Solarpaneele, Wärmepumpen und einen Speichersee. Hinter nahezu jedem Bauteil stehen industrielle Wertschöpfungsketten, Finanzierungsmodelle und begrenzte Lebensdauern. Während die erste Investition noch abbezahlt wird, kündigen sich häufig bereits die nächsten Reinvestitionen an. Aus ursprünglich knapp vier Millionen Euro entstehen über Jahrzehnte – trotz erheblicher Förderungen – durch Inflation, Zinsen, Reparaturen und Erneuerungen Summen, die ein Mehrfaches betragen.

Mit jedem weiteren Rechenschritt verschob sich deshalb die eigentliche Frage. Es ging immer weniger allein um Energie oder Technik. Im Mittelpunkt stand mehr und mehr die Verantwortung: Welche Lasten dürfen einer kommenden Generation zugemutet werden? Und welche Last entsteht, wenn wir die bestehenden industriellen Energie- und Logistiksysteme einfach fortschreiben? Niemand weiß heute, wie sich Energiepreise, Zinssysteme, Inflation oder technologische Entwicklungen in den kommenden Jahrzehnten verändern werden. Gerade deshalb lässt sich diese Entscheidung nicht auf eine Rechenaufgabe reduzieren.

Auf viele dieser Fragen gibt es heute keine endgültigen Antworten. Vielleicht liegt genau darin ihre eigentliche Qualität.

Denn während wir rechneten, entstand etwas, das sich in keiner Kalkulation wiederfindet. Nach und nach wuchs ein gemeinsames inneres Bild dieses Projektes. Es war beinahe so, als würden wir bereits durch diese zukünftige Anlage gehen. Unterschiedliche Menschen mit ganz verschiedenen Erfahrungen und Blickwinkeln begannen, sich gegenseitig zu ergänzen. Technisches Wissen traf auf unternehmerische Erfahrung, ökologischer Idealismus auf kaufmännische Vorsicht, jüngere Menschen auf ältere Generationen mit viel Lebenserfahrung.

Gerade darin lag für mich die eigentliche Überraschung dieses Prozesses. Zu Beginn standen zum Teil heftige Auseinandersetzungen. Unterschiedliche Einschätzungen wurden schnell zu unterschiedlichen Lagern, und wie so oft schwang die Sorge mit, vom anderen übervorteilt oder mit den eigenen Argumenten nicht mehr gehört zu werden. Je länger wir jedoch gemeinsam forschten, desto mehr trat etwas anderes in den Vordergrund. Langsam wuchs Vertrauen – nicht deshalb, weil plötzlich alle derselben Meinung waren, sondern weil immer deutlicher wurde, dass jeder auf seine Weise um die tragfähigste Lösung rang.

So entstand Schritt für Schritt eine andere Form von Kapital. Erfahrung, Transparenz, Aufrichtigkeit, Verantwortungsgefühl, die Bereitschaft zuzuhören und sich von besseren Argumenten berühren zu lassen – all das besitzt keinen Geldwert und entscheidet am Ende doch oft darüber, ob ein großes Vorhaben gelingen kann. Kein Finanzsystem der Welt kann ein solches Vermögen erzeugen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Entdeckung dieses Projektes. Geld zeigt nicht nur, was etwas kostet. Es macht sichtbar, welche Zukunft wir gemeinsam tragen möchten und welche Verantwortung wir bereit sind füreinander und für die kommenden Generationen zu übernehmen.

Die technische Lösung bleibt dabei weiterhin offen. Ohne zusätzliche Unterstützung wird sich dieses Projekt kaum verwirklichen lassen. Würden sämtliche Kosten allein von der Gemeinschaft getragen, entstünden Belastungen, die unsere sozialen Prozesse auf Dauer überfordern könnten. Nachhaltigkeit entscheidet sich deshalb nicht allein an CO₂-Bilanzen oder Energiekennzahlen. Ebenso entscheidend ist die Frage, ob Menschen die Veränderungen gemeinsam tragen können und ob dabei das soziale Gefüge lebendig bleibt.

"Geld Seminar"

Vielleicht entsteht daraus weit mehr als die Finanzierung einer technischen Anlage. Vielleicht wächst hier ein Beispiel dafür, wie Geld wieder seinem ursprünglichen Sinn näherkommen kann – Zukunft zu ermöglichen, anstatt sie einzuengen.

Wer diesen Zusammenhang tiefer verstehen möchte, ist Ende Juli herzlich zum Seminar „Geld – Sinn – Frieden“ eingeladen. Dort nähern wir uns diesen Fragen nicht nur im Gespräch. Durch Geldspiele, Wahrnehmungs- und Provokationsübungen werden die oft verborgenen Gefühle, Machtstrukturen, Ängste, Hoffnungen und Beziehungsmuster rund um Geld unmittelbar erfahrbar. Erst wenn Geld nicht nur gedacht, sondern erlebt wird, beginnt sichtbar zu werden, welche Wirklichkeit wir mit ihm erschaffen – und wie Geld wieder zu einem Werkzeug werden kann, das dem Leben dient.

Do 30.07. bis So 02.08.26
Geld - Sinn - Verantwortung: Wie kann Frieden gelingen?
Die Kapitalfrage ist seit Jahrhunderten die eigentliche Ursache aller Verwerfungen – heute sichtbarer denn je. Dieser Frage wollen wir uns in einem U -Prozess annähern – gemeinsam mit Impulsen von bekannten Sprechern aus der alternativen Ökonomie.

Geld & Frieden

Lebensschule
grund-stiftung am Schloss Tempelhof
Tempelhof 3, 74594 Kreßberg
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