Miteinander reden in polarisierten Zeiten

September Newsletter - über Demokratie, Wahlen, Spaltung und Verbindung -

AKTUELLBLOG

9/7/20264 min read

> Gespräch mit Martin Kirchner über Polarisierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt
> 01.-04. Oktober auf Schloss Tempelhof: Alles ist Beziehung – Ein Symposium über Demokratie, Dialogfähigkeit und den Umgang mit Unterschiedlichkeit

> Neuer Podcast: Herzpolitik mit Roman Huber – Freundschaft, Heimat und Identität

Liebe Freunde, Weggefährten und Interessierte,


die Sommerferien sind zu Ende und die ersten Herbstgewitter ziehen auf. Und auch im gesellschaftlichen Leben unseres Landes ist einiges in Bewegung geraten.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat große Wellen geschlagen. Knapp 44 Prozent der Wähler haben dort ihre Stimme der AfD gegeben. Ein Ergebnis, das mich nachdenklich macht. Doch viel mehr als die allgemeine Empörung darüber beschäftigt mich die Frage: Was hat so viele Menschen dazu gebracht, so zu wählen?

Welche Rolle spielen die zunehmende Aufrüstung und die Forderung nach neuer „Kriegstüchtigkeit"? Welche Erfahrungen machen Menschen mit einer Politik, die vor Wahlen vieles verspricht und nach der Wahl viel zu viel ganz anders entscheidet? Welche Ängste, Enttäuschungen und Sehnsüchte liegen hinter einer solchen Wahlentscheidung?

Statt diesen Fragen wirklich nachzugehen, werden die Rufe nach Parteiverboten lauter, Gesprächs- und Kontaktgrenzen gezogen und gerade Menschen im Osten erleben sich dadurch häufig noch stärker stigmatisiert und ausgegrenzt.

Damit gerät etwas unter die Räder, was für mich zu den Grundlagen jeder menschlichen Gesellschaft gehört: das Gespräch und die Anteilnahme an den Ängsten, Träumen und Sehnsüchten des anderen – auch dort, wo seine politischen Antworten für mich schwer auszuhalten sind.

Miteinander reden...

Mit großer Sorge beobachte ich, wie in gesellschaftlich angespannten Zeiten innere und äußere Feindbilder an Kraft gewinnen. Und wie schnell Menschen Gespräche abbrechen, Kontaktschuld aussprechen oder bereits in vorauseilendem Gehorsam ihre eigene Sprache zensieren.

So entstehen immer dichtere Blasen, immer weiter voneinander entfernte Wirklichkeiten und immer weniger Verständnis füreinander. Irgendwann kennen wir die Menschen auf der anderen Seite nur noch als Bilder in unserem eigenen Kopf. Wir abstrahieren Menschen zu anonymen Gruppen genau da fängt Krieg an. Die Geschichte kennt genügend Beispiele dafür, wohin solche Entwicklungen führen können. Und das erschreckt mich sehr.

Deswegen werden wir von grund-stiftung gemeinsam mit Mehr Demokratie e.V. und Pioneers of Change e.V. ganz bewusst Gesprächsräume öffnen. Räume, in denen wieder Vertrauen zu denen entstehen kann, die wir nicht mehr verstehen können oder verstehen wollen.

Denn Frieden beginnt für mich in jedem einzelnen und in unserer Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu bleiben – gerade wenn uns vieles am anderen nicht gefällt.

Spannend wird es dort, wo wir hinter unsere politischen Positionen schauen und uns persönlich und biografisch zeigen: Warum trete ich eigentlich für dieses oder jenes ein? Welche Erfahrungen haben mich geprägt? Wovor habe ich Angst? Was möchte ich schützen? Wonach sehne ich mich? Wenn mein Gegenüber mit seiner ganz anderen Meinung das ebenfalls versucht, geschieht häufig etwas Überraschendes: Die Beweggründe liegen plötzlich gar nicht mehr so weit auseinander. Und manchmal muss ich dann fast schmerzvoll erkennen: Wir sind eben alle Menschen. Und wir sitzen alle in einem Boot.

Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen?

Aus genau diesem Anliegen heraus findet vom 1. bis 4. Oktober 2026 in unserem Zukunftsdorf Schloss Tempelhof das Symposium „Alles ist Beziehung" statt. Über diesen vier Tagen steht eine Frage, die für mich derzeit kaum aktueller sein könnte: Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen in einer immer stärker polarisierten Welt?

Wir wollen dort mit Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Hintergründe erleben und erforschen, wie wir im Gespräch bleiben können, wenn unsere Überzeugungen weit auseinanderliegen. Wie Vertrauen wieder wachsen kann. Und wie wir Unterschiedlichkeit aushalten können, ohne die Beziehung zueinander zu verlieren.

Heimat · Identität · Zukunft
Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt?

Do 01.10. bis So 04.10.26
Alles ist Beziehung
Symposium über Demokratie, Dialogfähigkeit und den Umgang mit Unterschiedlichkeit.

Ihr seid herzlich eingeladen. Denn gerade in diesen Zeiten sollten wir eines nie vergessen: Alles ist Beziehung.

Genau hier möchte ich auch mit unserem neuen Podcast Herzpolitik ansetzen.

Das Wort Politik ist inzwischen für viele Menschen so negativ besetzt, dass sie damit möglichst wenig zu tun haben wollen. Sie ziehen sich ins Private zurück, resignieren und wenden sich ab. Und wenn ich mir manche Talkshows und Debatten unserer politischen Führungskräfte anschaue, kann ich vieles davon verstehen. Menschen reden übereinander und gegeneinander, Positionen treffen auf Positionen und hinter all den eingeübten Worthülsen verschwindet der Mensch.

Wie wäre es, wenn Menschen sich wieder persönlich begegnen? Wenn sie offen miteinander sprechen und im besten Sinne miteinander in Beziehung treten? Wenn wir uns über die großen Themen des Menschseins austauschen und aus dieser persönlichen Begegnung heraus auch gesellschaftliche Zusammenhänge betrachten?

So habe ich Roman Huber, meinen langjährigen Freund, Mitgründer der Gemeinschaft Schloss Tempelhof und geschäftsführenden Bundesvorstand von Mehr Demokratie, zu unserem ersten Herzpolitik-Gespräch eingeladen. Wir sprechen über Freundschaft, Heimat und Identität. Drei zutiefst persönliche Themen, die zugleich mitten hineinreichen in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit.

Herzpolitik mit Roman Huber – Freundschaft, Heimat und Identität

Weitere Gespräche werden folgen. Gespräche, mit denen ich Politik wieder dorthin führen möchte, wo sie für mich hingehört: zu den Menschen und in die Begegnung zwischen Menschen.

Von Herzen wünsche ich euch allen, euch nicht abzuwenden und nicht aufzugeben. Es braucht jeden einzelnen von uns für eine neue Kultur der Verbundenheit, des Gesprächs, des Zuhörens und des Mitfühlens.

Denn eines musste auch ich in den vielen Auseinandersetzungen meines Lebens lernen: Wenn ich dem ganz anderen Menschen wirklich mein Ohr schenke und versuche zu verstehen, was ihn bewegt, glätten sich die Wogen - ich muss seine Meinung deswegen noch lange nicht teilen.

Aber unser gemeinsames Menschenboot findet wieder einen menschlicheren Kurs.

Herzlich

Wolfgang

Lebensschule
grund-stiftung am Schloss Tempelhof
Tempelhof 3, 74594 Kreßberg
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